Wege zu mehr Gerechtigkeit nach sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend

Die Studie wird gefördert von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

Laufzeit des Vorhabens: 01.04.2020 bis 31.03.2022

Institutsleitung: Prof. Dr. Cornelia Helfferich
Projektleitung: Prof. Dr. Barbara Kavemann
Wissenschaftliche Mitarbeit: Bianca Nagel M.A., Adrian Etzel M.A.

Das Forschungsprojekt baut auf der Studie „Erwartungen Betroffener von sexueller Gewalt in Kindheit und Jugend an gesellschaftliche Aufarbeitung“ auf. In den Interviews der Studie zeigte sich ein Ringen um die Frage, ob Gerechtigkeit nach dem Erleben sexueller Gewalt überhaupt möglich ist.

Auch wenn verneint wurde, dass es Gerechtigkeit geben kann, weil man die Vergangenheit nicht ungeschehen machen kann, gab es doch vielfältige Überlegungen, welche Schritte oder Verfahren zumindest eine Annäherung an gerechtere Verhältnisse ermöglichen könnten. Dazu gehörten u.a. die Anerkennung der eigenen Unschuld und die klare Feststellung der Schuld der Täter bzw. Täterinnen. Diskutiert wurde die Frage der Bestrafung der Täter und Täterinnen. Hier fanden sich sowohl Positionen, die sich für eine Verschärfung der Strafen aussprachen, als auch solche, die explizit dagegen argumentierten. Ein weiteres Thema war die Anerkennung von Leid und Unrecht. Es ging den Interviewpartner*innen um konkrete Verbesserungen der Lebenssituation von Menschen, die unter spezifischer Benachteiligung leiden, und zwar indem sie selbst die Chance be-kommen, als Akteurinnen und Akteure auf dem Weg zu einem besseren Leben wirksam zu werden.

An diese ersten Ergebnisse soll im Rahmen des Forschungsprojekts angeknüpft und sie durch eine Sekundärauswertung vertieft werden.

Folgenden Forschungsfragen werden verfolgt:

  • Welche Wege können aus der Perspektive von Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs zu gerechteren Verhältnissen im Hier und Heute führen und wer soll dafür Verantwortung übernehmen? Gibt es für dieses Thema geeignete Verfahren jenseits des (Straf-)Rechts, die zu mehr Gerechtigkeit beitragen können? Können wir von der Forschung zu Wahrheits-kommissionen lernen?
  • Wie sehen Betroffene den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit und was erwar-ten sie vom Rechtssystem? Wie sehen Vertreter*innen der Justiz die Erwartungen Be-troffener an das Recht und ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit? Kann Verständigung er-reicht werden?
  • Wie können Erwartungen Betroffener an gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse – z.B. hinsichtlich Entschädigungen oder der Sicherung gesellschaftlicher Teilhabe – aus der Per-spektive unterschiedlicher Expertise verwirklicht werden?
  • Was sagt uns die internationale Forschung zur Auswirkung von Unrechtsverhältnissen wie sexuelle Gewalt auf das Verständnis Betroffener von Gerechtigkeit?
  • Welche Bedeutung hat die Auseinandersetzung mit Gerechtigkeit im Kontext zurücklie-genden Gewalterlebens unter den gesellschaftlichen Bedingungen der 1950er bis 1990er Jahre für den Schutz heutiger Kinder und Jugendlicher?

Die Studie wird partizipativ unter aktiver Beteiligung von Betroffenen durchgeführt. Für die Studie wird ein Ethikvotum bei der Ethikkommission der Alice Salomon Hochschule Berlin eingeholt. Diese Vorgehensweise wurde von uns bereits in anderen Forschungsprojekten erprobt und hat sich bewährt. Einerseits wird eine feste Forschungsgruppe aus Betroffenen gegründet, die sich regelmäßig trifft, die Forschungsfragen weiterentwickelt und Auswertungsschritte diskutiert. Um eine größere Anzahl von Betroffenen einbinden zu können, werden zusätzlich Fokusgruppen durchgeführt. Betroffene werden zu bestimmten Themen eingeladen. Der Betroffenenrat bei Unabhängigen Beauftragten wird informiert und einbezogen.

Eine Kooperation ist vereinbart mit Prof. Dr. Marianne Hester (Universität Bristol / Universität Göteborg), die zur Thematik der Gerechtigkeit aus der Perspektive von Betroffenen häuslicher Gewalt geforscht hat.

Die Ergebnisse werden laufend auf einer Projekt-Webseite veröffentlicht werden, auf der Interessierte sich über das Projekt informieren können. Sie werden der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, dem Unabhängigen Beauftragten und dem Betroffenenrat zur Verfügung gestellt und veröffentlicht.