LIVE - Frauen mit Behinderung

LIVE Leben und Interessen vertreten - Frauen mit Behinderung
Untersuchung zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderung

Auftragsförderung: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Laufzeit: 10/1996 - 10/1998
Leitung: Prof. Dr. Cornelia Helfferich, Nicole Eiermann Dipl. Psych.; Dr. Monika Häußler
Sozialwissenschaftliches FrauenForschungsInstitut, SoFFI K., Freiburg
Team:

Das Forschungsteam setzte sich zusammen aus Frauen mit und ohne Behinderung.
Dipl. Psych. Nicole Eiermann, Dr. Monika Häußler, Dr. Jochen Ernst, Elke Lorenz, Dipl. Soz.Päd.; Dr. Steffi Riedel, Maja Roth, M.A. soz.; Nicole Zundel, Dipl. Soz.Arb.
Einen zentralen Stellenwert für das Projekt hatte die Interviewtätigkeit der Mitarbeiterinnen Beate Biederbick, Regina Hundeck, Christina Kirks, Katrin Metz, Sabine Schmidt-Schütte, Susanne Schnabel, Claudia Seipelt-Holtmann, Anoma Tissera.

Typ der Forschung: Grundlagenforschung, standardisierte und qualitative Methoden;
qualitativ: Biografieforschung

Fragestellung

Ziel des Forschungsvorhabens war, aktuelles und möglichst repräsentative Daten zu erheben zu

  • der Lebenssituation von Frauen mit Behinderung,
  • den objektiven und subjektiven Bedarf an Unterstützung und Verbesserung der Situation,
  • den Schwierigkeiten und Möglichkeiten der politischen Interessenvertretung.

Erstmals wurden damit auch auf einer breiten Basis Daten erhoben zu Mutterschaft, zu Gewalterfahrungen und Vorurteilen, zur Sozialisation von Mädchen mit Behinderung sowie zur finanziellen und beruflichen Lage und zu Erfahrungen mit dem professionellen Medizin- und Assistenzsystem. Die Daten sollten Konsequenzen begründen im Sinne einer Verbesserung der Situation von Frauen mit Behinderung und einer Erweiterung der Möglichkeiten der Interessenvertretung von Frauen mit Behinderung.

Forschungsdesign

  • Bundesweite standardisierte Befragung: N=987 körper- und sinnesbehinderte Frauen von 16 bis 60 Jahren mit einem Schwerbehindertenausweis von mind. 50 v.H. Grad der Behinderung (Fragebogen).
  • Qualitative Befragung: Zugang über ein im Fragebogen erklärtes Einverständnis. Inhalt der teilnarrativen Interviews: Lebensgeschichte, Behinderung und spezielle Themen wie Erfahrungen von Gewalt und Erleben von Behandlung.
  • Befragung von N=40 Experten und Expertinnen aus allen relevanten Bereichen der Politik und Interessensvertretung in teilstrukturierten Gesprächen zu Problemen und Verbesserungsmöglichkeiten aus politischer Perspektive.


Exemplarische Ergebnisse...

  • ... zu Familie, zu Partnerschaften, Sexualität und Mutterschaft: Frauen mit Behinderung sind in ähnlichem Maß verheiratet (zwei Drittel) und haben (eigene) Kinder (70%) wie Frauen ohne Behinderung.
  • ... zu Ausbildung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf: Frauen- und behinderungsspezifische Barrieren wirken zusammen und führen zu einer benachteiligten Situation auf dem Arbeitsmarkt.
  • ... zur finanziellen Situation: Im Schnitt verfügen Haushalte von Frauen mit Behinderung über halb so viel Geld wie ein durchschnittlicher Haushalt allgemein. Frauen mit Behinderung geraten häufig in den Armutsbereich.
  • ... zu persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierungen: Zwei Drittel haben Erfahrungen, aufgrund ihrer Behinderung diskriminiert worden zu sein. 73% berichteten über Vorurteile in der Öffentlichkeit gegenüber Mutterschaft bei Frauen mit Behinderung. Ein Fünftel berichtete über negative Erfahrungen in der medizinischen Behandlung und ebenfalls ein Fünftel über demütigende gynäkologische Behandlung. 10% hatten sexuelle Gewalt erfahren und 23% gaben sexuelle Belästigungen an.
  • ... zu Verhütung: Ein Drittel der Frauen, die verhüten, gaben eine Sterilisation an. Davon hatten aber 88% Kinder. Zusammen mit den Frauen, die eine Gebärmutterentfernung angaben, sind 25% der Frauen durch einen medizinischen Eingriff nicht mehr fruchtbar. Auch wenn dies auf einer eigenen Entscheidung der Befragten beruht, weisen die Zahlen auf eine Ungleichbehandlung von Frauen mit und ohne Behinderung hin.
  • ... zu Sozialisation mit Behinderung: Junge Frauen sind heute selbstbewusster und werden mehr mit "Normalität" erzogen als früher. Sie lasten sich aber selbst die Verantwortung an, dafür zu sorgen, dass sie akzeptiert werden.
  • ... zur Bewältigung von Behinderung als Frau: Bei den biographischen mündlichen Befragungen wird die Leistung deutlich, die es bedeutet, den Alltag als Frau mit einer Behinderung zu bewältigen. Deutlich wird: Frauen und Männer ohne Behinderung können viel von Frauen mit Behinderung lernen.

Publikationen

Helfferich, C., Häussler-Sczepan, M. (2003): Frauen und Mädchen mit Behinderungen. Leitartikel. In: frauen aktiv, Sozialministerium Baden-Württemberg (Hg) 1, 2003, 4-6

Helfferich, C., Häussler-Sczepan, M. (2002): Erzählung und „Bewältigung". Soziale Regeln des angemessenen Umgangs mit Belastungen im Alltag und ihre Bedeutung in Lebensgeschichten chronisch kranker Frauen. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 4, 27. Jg. 42- 62

Abschlussbericht: Eiermann, N., Häußler, M., Helfferich, C.: „Live Leben und Interessen vertreten - Frauen mit Behinderung"; Lebenssituation, Bedarfslagen und Interessenvertretung von Frauen mit Körper- und Sinnesbehinderung; Schriftenreihe des BMFSFJ, Bd. 183, Verlag W. Kohlhammer, 2000
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Dokumentation Symposium „Frauen mit Behinderung - Leben und Interessen vertreten", Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, November 1999
Die Dokumentation über das Symposium ist z.Zt. vergriffen; sie wird nachgedruckt.

Häussler-Sczepan, M.: Frauen mit Behinderung (Kapitel 9.2), In: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Bericht zur gesundheitlichen Situation von Frauen in Deutschland, 2000.

Helfferich, C., Häußler, M., Eiermann, N.: Leben und Interessen vertreten - Frauen mit Behinderung. In: Ortmann, K., Waller, H. (Hg.): Sozialmedizin in der Sozialarbeit. Forschung für die Praxis. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Forschung 2000, 15-25