Bundesweite Fortbildungsoffensive für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe

Begleitende Interviewstudie zum Modellprojekt ‚Bundesweite Fortbildungsoffensive für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe‘ der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention (DGfPI)

Auftragsförderung: Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V. (DGfPI)
Laufzeit: 04 - 12/2014
Leitung: Prof. Dr. habil. Cornelia Helfferich
Team: Olga Eberhard, Wibke Kowalski, Janina Limberger, Jessica Loos, Sabine Steiner, M.A.
Typ der Forschung: qualitative Sozialforschung (Telefon-, Einzelinterviews und Gruppendiskussionen  

Fragestellung

Die Interviewstudie ‚begleitete‘ die ‚Bundesweite Fortbildungsoffensive (BuFo), welche von der DGfPI (Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung e.V.) initiiert und in Kooperation mit Beratungsstellen bundesweit durchgeführt wurde. Die bundesweiten Fortbildungen richteten sich an stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe und sollen die Handlungsfähigkeit (Prävention und Intervention) von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kinder und Jugendhilfe zur Verhinderung sexualisierter Gewalt stärken.

  • Die Ausgangsfrage für  das empirische Vorhaben lautet: Wie nehmen Jugendliche die durch die BuFo angeregten Maßnahmen wahr und wie bewerten sie diese?
  • In den Blick genommen werden hierbei die Themenbereiche Regeln und Partizipation in der Einrichtung, Möglichkeiten, etwas gegen unangemessenes und unfaires Verhalten anderer Jugendlicher und Erwachsener zu tun, Konfliktmanagement, Gewalt und Mobbing in der Wohngruppe und Umgang mit der Privatsphäre sowie Verliebtheit und Sexualität in der Einrichtung. Die Auswahl der Themenbereiche erfolgte entlang der Zieldimensionen der BuFo.

Forschungsdesign

  • Mehrperspektivisches qualitatives Design;
  • Der Schwerpunkt der Studie liegt auf der Perspektive von Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren mit und ohne Behinderungen aus Einrichtungen, die im Rahmen der BuFo fortgebildet wurden. Ihre Perspektive wurde sowohl im Rahmen von Einzelinterviews (n=22), als auch mittels Gruppendiskussionen (n=8) face-to-face erhoben. Neben dem individuellen Blick auf die aufgezeigten Themenfelder ist so auch eine kollektive Perspektive auf das Erkenntnisinteresse gewährleistet. Erhoben wurde im Rahmen von Telefoninterviews auch die Perspektive der jeweiligen Gruppenleitungen (n=11), um auch einen institutionellen Blick auf die aufgezeigten Themenfelder zu ermöglichen.

Wichtigste Ergebnisse

  • Die Perspektive der Jugendlichen gibt einen Einblick, wie sie sich selbst mit ihrem persönlichen Hintergrund (Alter, Geschlecht, Behinderung) und ihrer Geschichte im Zusammenleben mit anderen Kindern oder Jugendlichen auf einem vergleichsweise engen Raum zurechtfinden und Beziehungen zu Peers und Erziehenden herstellen.
  • Der Alltag ist vor allem Gruppenalltag. Er trägt mehr oder weniger Züge des Alltags sowohl in einer Familie als auch in einer formalen Institution, die mit ihren Vorgaben den Rahmen setzt. In diesem Kontext werden Regeln, Partizipation und der Umgang mit Konflikten, mit der Privatsphäre und mit Sexualität von den Jugendlichen erlebt und bewertet.
  • Die Jugendlichen sind konfrontiert mit einer Dynamik von Schutzintentionen und Vorgaben einer Ordnung einerseits (Regeln, Kontrolle) und Gestaltungsfreiräumen und Selbstverantwortung andererseits (Partizipation, geschützte Privatsphäre), wie sie typisch für pädagogische Handlungsfelder ist. Die Jugendlichen erleben und beschreiben die Ausgestaltung dieser Dynamik und etablieren unter den gegebenen Rahmenbedingungen eigene Kommunikationskulturen (Vertrauensbeziehungen, diskursive Aushandlungen) und Konfliktkulturen (Mobbing, Umgang mit Konflikten), die teilweise den Erziehenden verborgen bleiben.
  • Handy- und Internetnutzung ist aus Sicht der Jugendlichen ein wichtiges Thema.
  • Das Risiko, Opfer zu werden durch Übergriffe anderer Jugendlicher oder Erwachsener / Erziehender, und die Möglichkeit von Schutz vor Übergriffen können aus dieser lebensweltlichen Perspektive der Jugendlichen eingeschätzt werden. Das Material ermöglicht dabei zu differenzieren, welche Gruppenbesonderheiten und welche institutionellen und pädagogischen Vorkehrungen für welche Jugendlichen in welcher Hinsicht Risiken oder Schutz bergen. Das ist für die Planung weiterer Fortbildungen insofern interessant, als dass z.B. Einrichtungen mit unterschiedlichen Gruppenstrukturen und pädagogischen Konzepten unterschiedliche Risiken aufweisen und an unterschiedlichen Stellen ansetzen können, um den Schutz von Jugendlichen zu verbessern.